
Mit Jenna unterwegs in Pittsburgh
Über die Meditierenden aus Asien existieren viele Mythen. Es heißt beispielsweise einst habe ein Asket jahrelang vor einem Stein gesessen. Dabei meditierte er so intensiv, dass als er schließlich seine Meditation beendete, sein geduldiger Gesichtsabdruck im Stein zu erkennen war.
Derartige Legenden werden von einigen (man glaubt es kaum) immer noch geglaubt. Wo die inneren Kräfte am Werk sind, glauben wir schnell, dass die Seele Kräfte einer anderen Welt aus sich emporholt. Diese Seelenwelt können wir dann natürlich auch nicht mit normalen Mitteln des Denkens verstehen.
Mit der Ruhe von Planetenbahnen (wikicommons CC_BY_SA Author Tevaprapas Makklay)
Ich mag diese Autoritätsargumente nicht, weil sie immer eine Absage an das Sagbare sind. Wir müssen sie glauben, weil Kritik als Form der Sprache nicht möglich sei. Damit geben sich solche Esoteriker dann doch eine unbezweifelbare Aura. Ein Machtmittel.
Mir geht es weniger um die unbeantwortbare Frage, was denn nun für mystische Dinge mit dem Körper geschehen. Sie übersteigen den Horizont dessen, was wir wissen können. Stattdessen respektiere ich die wirkliche Lebensleistung der Asketen. Denn ausgestattet mit einer Geduld von Steinen, umspült diese Meditierenden nur noch das Sein. Ihr Körper ist ein ruhender Gedanke (Vergleich mein Blog www.asketen.blogspot.com). Gerade diese Asketen, welche sich von aller Öffentlichkeit zurückgezogen haben, leben dann mit der Gewissheit und inneren Logik von Planetenbahnen.
Gänzlich religiöser Quatsch oder metaphysischer Unfug ist diese Ausgeglichenheit daher nicht. Die Wissenschaft bestätigt gerade hier einige ihrer Behauptungen, jedoch nicht alle. Der Autor des vielbeachteten Artikels „Mind The Hype: A Critical Evaluation and Prescriptive Agenda for Research on Mindfulness and Meditation“ Van Dam gibt zu bedenken, dass zum Beispiel Achtsamkeitsmeditation mittlerweile eine 1, 1 Milliarden Dollar Industrie allein in den USA ist (ScientificAmerican-Artikel). Bei dem Hype werde damals doch schon die wissenschaftliche Rigorosität vernachlässigt, die für gute Befunde nötig wäre.
Van Dam zählt wesentliche Beweise der Achtsamkeitsmeditation auf: moderate Erfolge bei Angst-, Depressions- und Schmerzbehandlung. Darüberhinaus zitiert er eine Studie, die die Reduktion von selbstwahrgenommenen Stress bestätige. Es senke sich jedoch nicht das Cortisollevel, ein biologischer Stressindikator. In einer anderen, „zuverlässigen“ Studien werde eine höhere Dicke des präfontalen Cortex gemessen. Dies führe zu besserer Entscheidungsfähigkeit. Das wesentliche Problem bei der Meditationsforschung sei aber die Schwierigkeit, Ergebnisse zu standardisieren, da immer wieder andere Achtsamkeitsmeditationen angewendet werden. Es gibt eine hohe Diversität an Methoden.
Die wohl berühmteste Studie zur Meditation zeigt, dass Brustkrebsüberlebende die Telomerlänge bewahren können. Telomere sind die Enden der DNA-Stränge und werden in Zusammenhang mit Alterungsprozessen gebracht. Meines Erachtens haben wir genug Indikatoren. Das Problem mit den Studien ist hier, dass wir immer nur eine kurze Intervention beobachten können. Zunächst sollten wir daher lernen: Es gibt keinen Supertrick, intelligenter, schlanker, bewusster und gesünder zu werden. So ist auch Meditation eine schwer zu erlernende Tätigkeit. Es ist daher wahrscheinlich praktisch unmöglich den gesamten Umfang der positiven Effekte in klinischen Studien zu bestimmen. Klinische Studien messen kurze Intervalle, in denen Menschen eine komplexe Technik beigebracht wird. Meditation aber ist Teil einer ganzheitlichen Lebensweise und erfordert viel Geschick.
Wie immer sollten wir dies allerdings die Schwierigkeiten der wissenschaftlichen Forschung nicht als Bestätigung für jegliche Esoterik ansehen. Stattdessen müssen wir auch weiterhin mit all unseren Beobachtung kritisch verfahren und sie möglichst nicht verallgemeinern. Als generelle Methode ist es ratsam, für die eigenen Theorien und Annahmen immer nach Gegenbeweisen zu suchen, um nicht in die sogenannte Selektionsbias zu verfallen. Diese macht sich zum Beispiel bei der Publication Biais bemerkbar. In der Regel werden nur Resultate veröffentlicht, die den Einsatz bestimmter Theorien bestätigen. Wer hätte denn ein Interesse daran, eine Publikation zu veröffentlichen, dass Meditation nicht hilft? Berühmt würde er damit jedenfalls nicht werden. Am Ende haben wir es dann doch mit einer einseitigen Theorie zu tun. Was hier gilt, sollte auch für uns selbst gelten.
Auch wenn Asketen also zufriedener sind, längst sind nicht alle Mythen gültig. Die Welt der Esoterik aber lebt von Mythen und will die Wissenschaft gerne draußen vor der Tür lassen (auch, wenn sich einige zuweilen dazu aufmachen, Quantentheorien und anderen halbverstandenen Kram als Plausibilitätsargumente in ihr esoterisches Weltbild integrieren). Schon in der Entwicklung des Autogenen Trainings wollte der Berliner Psychater Johannes Heinrich Schultz eine Meditationstechnik von Mythen befreien. Seine Entwicklung sollte eine wissenschaftlich fundierte, innere Einkehr sein, die von allen metaphysischen Einflüssen (das sind empirisch nicht beweisbare Ideen über die Existenz anderer Welten oder der Seele) befreit war. Autogenes Training sollte nach Willen des Schöpfers allein wissenschaftliche Befunde zuzulassen.
Neu war diese Forderung nach wissenschaftlichen Meditationen im europäischen Umkreis nicht. Descartes hatte bereits mit seinen Meditationen, die Wissenschaft auf die Frage nach dem Erkenntnissubjekt zurückgespitzt und knüpfte mit der gewonnenen Sicherheit eines kritischen Subjekts auch an eine Tradition des Mittelalters an: Dem inneren Schauen. An diese Subjekterkenntnisse von Descartes und an seine Reinterpretation der Mathematik auf Basis des sich vergewissernden Subjekts knüpfte sich dann der formidable Aufstieg der europäischen Wissenschaften. Das Cartesische Koordinationsystem war Folge eines Subjekts, das geometrische Formen durch arithmetisches Denken verbinden konnte. Es lag in der Luft, dass die Philosophien des Idealismus als Wissenschaft die Formen des Inneren Schauens immer weiter entwickelten und die Kritik zum neuen Wissenschaftsstandard erhoben. Auch Husserl, selbst Mathematiker, hatte später mit seiner Phänomenologie noch einen Zugang zu der Form des schauenden Bewusstseins gesucht und seine späten Studien Cartesianisch genannt. Rudolph Steiner, Erfinder der Waldorfpädagogik, entwickelte nahezu zeitgleich eine (zu weiten Teilen allerdings empirisch bezweifelbare) Theosophie, die mit ihren Techniken schließlich sehr artverwandt den Methoden von Schultz war. Steiner kann tatsächlich noch im Rahmen der europäischen Meditationstechnik verstanden werden.
Auch die Psychoanalyse war Resultat dieser großen Meditationsbewegung, bei der Wissenschaftler von einer positivistisch gedeuteten Welt zurückwichen, und wissenschaftlich begründet die Reise zum Mittelpunkt der Welt, die Reise zum Subjektkern antraten. Jung sollte diese Reise später noch als eine Reise beschreiben, die uns weiter als bis zum Mars führen würde.
Entgegen früherer nicht empirischer Vorgehen bei der Meditation (Kontaktaufnahme mit Gott etwa) war es von nun an Mode, das Vorhaben nicht metaphysisch durchzuführen. Und so war es auch für Schultz wichtig, die Entspannungstechnik in den Bereich der strengen, empirischen Wissenschaften zu holen.
Anders als die buddhistischen, christlichen, allgemein anders als die religiösen Traditionen sollte diese Wissenschaft den Weg zur wirklichen Tiefenentspannung frei machen. Schultz wollte die innere Kraft bergen, die eine gereinigte Seele aufzubieten hatte und Schultz versprach sich von der Wissenschaft, eine Methode zu erarbeiten, die diese inneren Kräfte bereits nach wenigen Jahren konsequenter und gesicherter Anwendung heben würde. Wofür ein Buddhist etwa ein ganzes Leben verbraucht hätte, Schultz wollte es in 5.
Geschichten wie die folgende sollten nach Schultz nur noch in unwissenschaftliche Kulturen gehören:
„Der Klosterschüler fegte also, wie ihm sein Meister geheißen hatte, acht Stunden am Tag den Hof. Doch der Meister ließ sich nicht den Zweck entlocken. Als aber der Meister nach einem Monat überraschend verstarb, hatte der Klosterschüler doch den einzigen Meister im Kloster verloren, der bereit war ihn zu unterrichten und damit auch die Aussicht, den Zweck seines Fegens zu erfahren. Was solle der Schüler also tun? Ohne Aussicht auf Erleuchtung durch andere Meister fegte der Klosterschüler von morgens an bis abends 50 Jahre den Hof. Die Hoffnung der Erleuchtung glühte in ihm all diese Zeit. Kurz bevor sie erlosch und der Klosterschüler in seiner Tätigkeit vor dem inneren Abgrund der Verzweiflung stand, da stieß beim Fegen ein Körnchen Staub ein anderes an und er rief: „Da ist es!“ Ausgeglichen verstarb auch wenige Monate später der Klosterschüler als sein eigener Meister.“
Ist das autogene Training nun aber eine Theorie, die von allen metaphysischen Dogmen befreit ist? Um diese Frage zu beantworten, muss die Geschichte des Autogenen Trainings auch von ihrer Zielstellung her betrachtet werden. Während die Grundstufe noch eine praktikable Entspannungstechnik bietet, soll das Autogene Training mit der Oberstufe nämlich schließlich in andere (ich würde sagen „metaphysische“) Dimensionen führen. Die Frage nach dem Selbst rückte dort in den Mittelpunkt. Eine unsichere Frage, die schon den ein oder anderen Existentialisten mit einem lebenssinnraubenden Nichts konfrontierte. Am Rande des Lebenssinns besteht immer ein Risiko. Gerade in der Freiheit eines rein erfahrenen Selbst schleicht sich schließlich auch immer die Freiheit des Selbstmordes in den Horizont der Handlungsmöglichkeiten. Jeder, der sich beispielsweise schon einem größeren Abhang näherte, weiß um diese Freiheit. Ist es nicht eigentlich so einfach zu springen? Bei dieser Freiheit wächst die Angst vor dem Selbst. Bei den labilen Abgründen unserer Seele also müssen wir eine Theorie wie das Autogene Training schon auf seine Tiefenstruktur hin analysieren, denn Pfusch an der Seele kann sich radikal auswirken (was auch jeden Esoteriker zur Vorsicht rufen sollte). Warum also wollte Schultz in den Abgrund der Seele, in unsere Ängste blicken?
Bei dieser historischen Betrachtungsweise drängt sich so zum Beispiel die Frage auf, wie Schultz seine Forschung in der preußisch strengen Zack-Zack-Mentalität durchsetzen konnte, wenn er doch eigentlich nur eine verweichlichte, innere Ruhe predigte, die gerade ein friedliches Selbst in den Fokus nahm. Sollten Soldaten an der Front etwa die innere Ausgeglichenheit und Verbrüderung mit dem Feind suchen? Was an dieser Stelle einen dunklen Schatten auf die Theorie des Autogenen Training wirft, ist eben die Tatsache, dass diese Theorie während der Nazizeit entstand und  Schultz damals am Göring-Institut arbeitete (das von einem nahen Verwandten von Göring geleitet wurde). Dort war es erklärtes Ziel die „jüdische“ Psychoanalyse zu reinigen und dieser eine „Neue Deutsche Seelenheilkunde“ entgegenzusetzen (vgl. Thieme). Es ging daher nicht etwa um eigentliche therapeutische Erfolge, es ging nicht um die Veränderung des Wesens und der inneren Bestimmung wie etwa in der Psychoanalyse, Ziel war es den Menschen tüchtig auf den Krieg vorzubereiten. Die Psychoanalyse galt hierfür als zu teuer. Mit diesem Gedanken konnte sich auch Schultz anfreunden, als Wissenschaftler war dies eine Gelegenheit sich gegen die starken Einflüsse von Freud zu wehren. Streng gesundheitsökonomisch vertrat Schultz daher eine „Kleine Psychoanalyse“, die auch medizinisch Ungebildete hätten durchführen können (vgl. Thieme). Gerade bei den vielen Traumatisierten war dies eine zynische gesundheitspolitische Ãœberlegung, die zum Establishment und den Kriegszielen passte.
Es mag sein, dass sich Schultz, so wie er es auch oft behauptete, in bestimmten Lebensphasen nur einem grausamen System anpasste, um überhaupt leben zu können. Doch Schultz wollte auch Karriere, was aus verschiedenen Dokumenten hervorgeht. Mit erschreckender Gelassenheit schreibt er etwa zur Frage der Zwangssterilisation (um die Ausbreitung negativen Erbguts zu verhindern):
„Hier muß, wenn eine Sterilisierung, etwa aus erbbiologischen Gründen, erforderlich ist, intensive ärztliche Seelenhilfe einsetzen, um psychische Katastrophen […] zu vermeiden. Je mehr ein Mensch neurotisch ist, um so weniger schützt ihn der Gedanke an das Sippen- und Volksopfer vor schweren Angst- und Depressionsdurchbrüchen aus seinen Tiefenkonflikten, seinem ‚Unterbewußten‘. […] Diese Menschen zu einem richtigen, tiefen Verständnis der Pflichten jedes Deutschen im neuen Deutschland zu führen, in schwierigen Fällen durch spezielle Psychotherapie die Hemmungen wegzuräumen, die beim Neurotiker die lebendige Teilhabe an allem Großen und Wahren verhindern, eine solche vorbereitende ärztliche Seelenführung und Psychotherapie im allgemeinen und für Sterilisierungskandidaten und Sterilisierte im besonderen ist eine
große, wichtige und dankbare ärztliche Pflicht.“ (Thieme)
Es ging also um das große Volksopfer, um am Großen und Wahren teilzuhaben. Warum sollte der Einzelne also nicht für die Gesundung des Volks auf seine Fortpflanzung verzichten? An diesem Zitat können wir deutlich erkennen: Schultz entwickelte eine metaphysisch hochgeladene Gesamttheorie, die den Wert des Einzelnen bereits unter den Vorzeichen eines reinen Volkes dachte. Schultz war keinesfalls unschuldig.
Einsicht zeigte der eitle „Gott des Autogenen Trainings“ (wie er sich gerne nennen ließ – siehe ebenda) nach dem Krieg nicht. 1964 schreibt er etwa: „Durch Behauptungen über politische Belastungen meiner Person erfuhr ich zum ersten Mal, daß ich Nationalsozialist gewesen sei“ (Thieme) Selbst war er zwar nie in der NSDAP, dem Gedankengut war er allerdings verpflichtet. So habe Schultz beispielsweise Menschen auf Homosexualität überprüft. Konnten Sie nicht den Beischlaf mit einer Prostituierten vollziehen, so gab es damals eine Ãœberweisung ins Konzentrationslager (Wikipedia Johannes_Heinrich_Schultz).
Schultz Theorie passte aber auch aus anderen Gründen zum Naziregime. Die starre Lehre eines Sigmund Freund fand ihre Widersacher. Weil Freud durch seinen Fanatismus an Sexualität und Kindheit alle kurzfristig wirkenden Instrumente wie zum Beispiel Hypnose und Suggestion aus dem psychologischen Instrumentarium verbannte, gab es kaum mehr kostengünstige Behandlungsmethoden für Traumatisierte. Die vielen geschädigten Soldaten des Ersten Weltkriegs, die zwar physisch etwaige Gasangriffe unversehrt überlebten, hatten erheblichen, psychischen Schaden genommen und die Ressourcen diese Traumata aufzuarbeiten, standen nicht zur Verfügung. Es kam Schultz gelegen, dass Ärzte nun auf bewehrte Methoden wie Suggestion und Hypnose zurückgrifffen (Vgl. Maja Langsdorff). Auch die Nazis hatten ein Interesse an funktionierenden Soldaten und diesem Zeitgeist entsprach Schultz. Mit preußischer Geste setzt das Autogene Training so beispielsweise die Rücknahme der Entspannung an: „Arme fest! Luft holen! Augen auf!“ Diese Rücknahme selbst ist ein entscheidender und wichtiger Teil des Autogenen Trainings, denn wir haben es nicht nur mit einem Sandkastenspiel zu tun. Bei einer nicht ordnungsgemäßen Rücknahme können so beispielsweise Gleichgewichts- und Wahrnehmungsstörungen auftreten (ich zitiere dies allerdings aus dem Gedächtnis – die Originalquellen nach Schultz trage ich bei Gelegenheit nach). Wenn mangelnde Zurücknahme aber schon derartige Konsequenzen hat, könnte dann eine Durchsetzung der Theorie mit fragwürdigen Formeln nicht auch eine schleichende Vergiftung bedeuten? Könnte hier nach und nach eine Ansammlung von psychischem Gift aufkommen?
Wer an dieser Stelle glaubt, er könne die gesamte Theorie des Autogenen Trainings von ihrer historischen Entstehung trennen, derjenige riskiert viel, denn eine Theorie ist immer mit der Metaphysik ihrer Zeit durchsetzt. Einzige Möglichkeit damit umzugehen, ist eine kritische Gewichtung.
Es bleiben auch noch weitere Punkte anzumerken. Gerade bei seinen ersten Versuchen (ich zitiere aus dem Gedächtnis, da ich die Bücher nicht zur Hand habe) erlebte Schultz Probleme. Einige Probanden meinten es mit den Ãœbungen zu gut und suggerierten sich etwa Formeln, die die Wirkungen übertrieben oder schlichtweg nicht geeignet waren. Auf die Formel „Arm eiskalt“ verfärbte sich der Arm eines Probanden stark blau und bereitete Schmerzen. Schultz konnte derlei Vorfälle aber angeblich schnell durch Hypnose zurücknehmen. Gerade bei Herz-Ãœbungen sei aus diesem Grund jedoch Vorsicht geboten. Auch bei einfachen Ratgebern raten die Autoren bei Klienten mit Herz-Rhythmus-Störungen von dieser Ãœbung ab. Ebenfalls problematisch zeigte sich die angenehme Stirnkühle, die bei falscher Suggestion („Stirn eiskalt“ – der Proband wollte schneller Effekte erzielen) einige Komplikationen auslöste.
Diese „Nebenwirkungen“ aber konnte Schultz später darauf zurückzuführen, dass er anfangs mit vielen Schwergeschädigten zu tun hatte. Aus diesem Grund raten Ärzte vor allem labilen Persönlichkeiten vom Autogenen Training ab. Es bleibt auch anzumerken, obzwar die Nebenwirkungen bei Autogenem Training heute als minimal gelten, so gilt dies meiner Erfahrung nach nur für die Unterstufe. Ein bedenkenloses Schürfen in den Gruben der Seele sollte daher nicht stattfinden. Schultz selbst empfahl die Oberstufe nur unter Anleitung eines erfahrenen Psychaters durchzuführen, während die Grundstufe weitgehend autodidaktisch erworben werden konnte. Gerade die Oberstufe birgt hier auch problematischen Kern einer Naziideologie, die sich im völkischen Gedankengut von Schultz begründet. Da wenige die Oberstufe wirklich praktizieren und an der Unterstufe scheitern, gibt es hierzu auch kaum mehr Ratgeber.
Meditation ohne Metaphysik? (wikicommons CC_BY_SA byTevaprapas Makklay)
Das Autogene Training in seinen tieferen Formen der Oberstufe ist also mit Vorsicht zu genießen. Darüberhinaus erscheint das Autogene Training aber auch gerade funktionalistisch konzipiert zu sein, was eben auch in die Zeit des Weltkrieges passt. Es ist eine Selbstberuhigungspraxis, die gegenüber der Welt gleichgültig machen soll. Es besteht der Verdacht, dass Menschen mit der vermeintlichen Loslösung von der Welt auch einfach nur einen anderen Verdrängungsritus entwickeln.
Abschließende Wertung zum Autogenen Training
Für den Soziologen ist klar, dass eine praktische THEORIE eben nur schwerlich ohne metaphysische Voreinstellungen der Gesellschaft auskommt. Für den Philosophen ist ebenso klar, dass sich jede Theorie unweigerlich metaphysischer Grundannahmen bedient und dass nur eine methodisch andauernde Kritik, eine Theorie wertvoll macht. Bei den Eitelkeiten, die auch Schultz beherrschten, bei seinem Karrierismus, ist diese Kritik eher nicht zu vermuten. Daher müssen wir versuchen, das Autogene Training auf diesem Blog metaphysik-kritisch zu beleuchten (Eine Ablehnung der Metaphysik kommt dabei nicht in Frage, da diese bei jeder Theorie vorausgesetzt ist. Wir müssen allerdings auf die Form der Metaphysik achten). Ich selbst habe bereits mit dem Autogenen Training positive Erfahrungen gemacht und die Vorteile liegen auf der Hand: So haben einige schon den Atlantik mit Faltbooten überquert und andere Sportler Olympiamedaillen errungen, weil sie konsequent die Methode anwendeten.
Ich werde hier in diesem Blog mehr kritische Gedanken zu diesem Thema veröffentlichen und hoffe, dass dies auch andere motiviert teilzunehmen. Ich möchte dazu einladen, bei diesen Selbsterfahrungen mitzumachen und vielleicht in den Kommentaren eigene Erfahrungen und Fortschritte mitzuteilen. Ziel ist es vor allem kritisch mit den Ergebnissen umzugehen, was den Erfolg einer letztlich durch uns verbesserten Methode nur befördern kann. Ziel ist es auch, die Motivation zum Autogenen Training aufrecht zu erhalten, um letztlich über die Unterstufe hinauszukommen.
Wenn ihr mir weiter folgen wollt, dann abonniert mich per E-mail oder tretet der Facebookgruppe oben rechts bei. Ein RSS-Feed ist natürlich auch vorhanden. Ansonsten könnt ihr mich gerne anschreiben oder einen Kommentar hinterlassen.
Dr. Norman Schultz, März 2019, Neubrandenburg
Originalversion 2014, Pittsburgh

Comments
Powered by Facebook Comments
Pingback: Bewusstes Lernen – Autogenes Training, Ritalin und mein neuer Blog – Philosophie EntGrenzen – Die Wissenschaft der Wissenschaften
Pingback: Meditation lernen – Was hilft Meditation im Leben und wie können wir es in den Alltag schnell integrieren? | Bewusstes Lernen